von Annette Schwindt
Als ich ein Kind war, hatte mein inzwischen verstorbener Onkel Drele ein kleines Geschäft für Lebensmittel und Haushaltswaren. Dieser Onkel-Drele-Laden lag im sogenannten Flüchtlingsviertel des Dorfes, wo vor allem Leute wohnten, die nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Osten nach Deutschland gekommen waren. Ob aus Ungarn, Ostpreußen oder Jugoslawien, man verstand sich als Einheit und erzählte sich im Onkel-Drele-Laden gern die neusten Neuigkeiten aus der Nachbarschaft. Alle kannten sich beim Vornamen und unter uns Kindern war kaum bekannt, dass Drele eigentlich Andreas, Hannsche Johanna, Resi-Neni Theresia und die Maribasl mit richtigem Namen Maria hießen.
Da die beiden Kinder von Onkel Drele und ich die meiste Zeit des Tages unter der Aufsicht der Oma verbrachten, die direkt neben dem Laden wohnte, waren wir sehr oft dort. Was mich anging, freute dies besonders die Resi-Neni, die Mutter von Drele, die an der Kasse saß. Sie hatte eine Ausbildung zur Opernsängerin gemacht und war daher eine glühende Verehrerin der klassischen Musik. Und da mich meine Mutter bereits pränatal per Kopfhörer auf dem Bauch mit Mozart beschallt hatte (sie hatte gelesen, dass dies die Entwicklung des Kindes fördere), kannte ich mit drei Jahren bereits die Arie der Königin der Nacht aus der Zauberflöte und konnte sie auch nachsingen.
Dies entzückte Resi-Neni und auch die Nachbarinnen derart, dass ich des öfteren auf die Warenablage hinter dem Förderband gehoben und aufgefordert wurde der Hölle Rachen in meinem Herzen kochen zu lassen. Ich wusste, dass meine Auftritte von allen Zuhörerinnen mit Schokolade und Lollis honoriert werden würden und beglückte mein Publikum daher gern mit einer inbrünstigen Vorstellung nach der anderen.
Im Laden gab es auch eine Metzgerei. Sie war vom Eingang her gesehen am entgegengesetzten Ende des Ladens eingerichtet, der wie ein langgezogenes U aus zwei Gängen bestand. An der Theke dieser Metzgerei stand eines Abends die Maribasl. Bei uns Kindern hieß die Maribasl jedoch nur Jeschuschmarrrja, das war einer ihrer Lieblingsausrufe. Gespräche begann sie für gewöhnlich mit "Jeschuschmarrrja, hoost scho gheert?".
Dabei erzählte sie besonders gern von "unser Sondrrrah", also ihrer Enkelin Sandra. "Unser Sondrrrah" war damals gerade in die Pubertät gekommen, wohnte aber (und dafür wird sie heute noch dankbar sein) in einem anderen Viertel. Dank Jeschuschmarrrjas Nachrichtendienst war sie jedoch ständig präsent und bekannt in Onkel Dreles Laden.
An diesem Abend brannte der Jeschuschmarrrja eine ganz besondere Neuigkeit auf der Seele, die sie bis dahin (ganz gegen ihre Gewohnheit) noch keinem erzählt hatte. Doch die Nachricht musste raus, das spürte sie ganz deutlich, als sie an der Wursttheke über Schwartenmagen und Blutwurst nachdachte. Nur: wer war der richtige Empfänger dafür?
Warum sie ausgerechnet auf meinen Vater gekommen ist, weiß bis heute keiner. Vielleicht dachte sie, dass er als Vater einer (damals noch kleinen) Tochter auf derlei Neuigkeiten vorbereitet werden müsste? Ihr Ausruf beim Anblick meines Vaters über den ganzen Laden hinweg ist bis heute berühmt: "Jeschuschmarrrja, Siiiiegfrrried hoost scho gheert? Unser Sondrrrah hot ihr Sach grrriggt!"

Dieser Text von Annette Schwindt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.