von Annette Schwindt
Der Frühling kommt, die Sonne lacht, die ersten Schneeglöckchen blühen. Wie idyllisch! Doch nicht nur die Natur wechselt ihr Kleid, sondern auch ich. Das habe ich jedenfalls vor. Den Winterplunder in die Mottenkiste und rein ins Frühlingsvergnügen.
In der ersten Euphorie greife ich zum frisch gelieferten Versandkatalog. Mal sehen, was uns dieses Jahr zu bieten hat. Gleich auf Seite zehn springt mir das Ensemble aus kiwigrünem Blazer mit "topaktuellen Reißverschlüssen" und "Stretchhose mit modischem Gitterdruck" ins Auge.
Was für eine Farbe! Das zieht doch kein Mensch an, denke ich und halte das in meiner Naivität noch für einen Ausrutscher der Einkaufsabteilung. Aber auch auf den folgenden Seiten verfolgen mich Variationen von Limone und Apfelgrün, als ob die Modeschöpfer in ihrer Verzweiflung einfach in den nächsten Obstkorb gegriffen hätten. Aber wie das heute so ist, mit den genmanipulierten Früchten, so scheint auch die Farbe unterwegs von der Natur zur Kunst mutiert zu haben.
Angewidert wende ich mich ab und beschließe, mich direkt vor Ort weiterzubilden. In der Einkaufsstraße angelangt, spaziere ich in die erste Boutique und - pralle erschrocken zurück. Da hängen Röcke, Blusen, Shorts und Pullis, alle wunderbar untereinander zu kombinieren, denn sie sind: grün! Eine fleißige Verkaufskraft will auf mich zueilen, doch ich bin schon geflüchtet.
Noch benommen von diesem Angriff auf die Netzhaut betrete ich das nächste Geschäft. Aber auch hier dasselbe Spiel. Wohin ich auch gehe, überall verfolgen mich Kiwi und Co. In einigen Fällen wird das Obstthema noch durch Töne namens Petrol, Ozean und Mint erweitert, was der Scheußlichkeit der betreffenden Kleidungsstücke jedoch keinen Abbruch tut. Verzweifelt erkundige ich mich nach anderen Möglichkeiten modischen Auftretens und werde mit einem Catsuit in Knallorange konfrontiert, der mir endgültig den Rest gibt.
Ich pfeife auf "Softline-Look" und "raffiniertes Styling", wenn ich damit aussehe wie eine Neonreklame. Womöglich muss ich noch das passende Make-up dazu kaufen. Nein danke!
Frustriert, weil ich dieses Jahr wohl keine neue Garderobe bekomme, beschließe ich, wenigstens meiner besseren Hälfte zu einem neuen Hemd zu verhelfen. Ich gehe zum nächsten Herrenausstatter und frage den Verkäufer nach einem modischen Langarmmodell in Baumwolle. Er lächelt verschmitzt und sagt: "Da haben wir was ganz Tolles, topaktuell mit Button-down-Kragen."
Muss ich noch sagen, welche Farbe es hatte?

Dieser Text von Annette Schwindt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.