Pål: Das Statement in der Überschrift ist das Motto von Annette Schwindts Myspace und dort neben ihrem Foto zu lesen. Jedes Mal wenn ich das lese, fange ich an, darüber nachzudenken. Also habe ich ihr eine Mail geschickt und sie gebeten, es zu erklären.
Nette: Das bezieht sich sowohl auf die Betrachter meiner Kunst als auch auf mich selbst. Ich bin eine autodidaktische Künstlerin und alles, was ich tue, entspringt einer inneren Notwendigkeit, meine Kreativität auszuleben. Egal ob es ums Malen, Schreiben oder Fotografieren geht.

GEmälde "Expecting" von Annette Schwindt
Als ich anfing, meine Gemälde ins Netz zu stellen, bekam ich mehrere private Nachrichten, in denen es hieß "Ich würde ja gern etwas dazu schreiben, aber ich kenne mich mit Kunst nicht aus und will deswegen nichts Dummes sagen". Aber für mich gibt es da nichts "Dummes", solange man ehrlich ist. Alles, was mich interessiert, ist, welche GEFÜHLE Kunst in den Menschen auslöst. Zum Beispiel sehen manche in meinem Bild "In Erwartung" eine Schlange, andere sehen eine Frau mit einem Baby in der Wiege, andere wieder eine Tänzerin und für mich war es eine schwangere Frau. Aber meine Sicht ist ja nicht die einzig selig machende Wahrheit.
Ich möchte als Reaktion keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ich möchte Eindrücke austauschen und erfahren, wie andere Menschen die Dinge betrachten. Meiner Erfahrung nach kann zuviel theoretischer Hintergrund ein Kunstwerk auch kaputt machen. So ist es mir beispielsweise mit meiner Geschichte "Das Haus" ergangen. Diese Geschichte hatte ich nach einer ganz konkreten Erfahrung mit einem ganz konkreten Haus geschrieben und in meiner Vorstellung ging es dabei um eine Vampirgeschichte. Eine Freundin, die an der Universität Literaturinterpretation lehrt, erklärte mir dann, das Haus seine Metapher für den Uterus, und zerlegte meine Geschichte in Symbole und was weiß ich. Ich war völlig verblüfft darüber, was ich ihrer Meinung nach zu sagen beabsichtigt und komponiert hatte.
Pål: Du hast schon als Journalistin und als PR-Beraterin gearbeitet, alles Tätigkeiten, die mit Kommunikation zu tun haben. Beim Kreativsein durch Dein sonstiges Schreiben, das Malen und Fotografieren geht es auch um Kommunikation, oder nicht? Worin unterscheiden sich diese beiden Bereiche?
Nette: Ja, in beiden Bereichen geht es um Kommunikation. Aber die Arbeit als (seriöser) Journalist oder PR-Berater erfordert, die Dinge aus einer professionellen Distanz zu betrachten, also von AUSSEN. Man muss die Dinge analysieren, kritisieren und strukturieren, um über sie zu schreiben. Dabei folgt man bestimmten Regeln. Das ist etwas, das im Kopf passiert und bestimmte Zielgruppen ansprechen soll.
Künstlerisches Schaffen ist etwas völlig anderes. Wie oben gesagt geht es für mich bei Kunst in erster Linie ums Fühlen. Als Künstler betrachte ich die Dinge von INNEN. Wenn ich mit einem Kunstwerk anfange, denke ich nicht darüber nach, welche Wirkung es auf welche Zielgruppen haben soll. Ich tue es zu allererst für mich selbst, aus einer inneren Notwendigkeit heraus, meine Kreativität auszuleben. Ich könnte ohne Journalismus oder PR leben, aber nicht ohne Kunst.
Pål: Wann hast Du diese innere Notwendigkeit entdeckt, kreativ zu sein? Und wie hast Du erkannt, dass Du ohne das nicht leben kannst?
Nette: Ich schätze, damit wurde ich bereits geboren. Ich habe schon gemalt und gezeichnet seit ich denken kann und hatte auch schon immer viel Fantasie. Bei der Familienforschung fand ich dann einige interessante Verbindungen zwischen dem Familiennamen und den typischen Eigenschaften eines Schwindt, wie starke Intuition und Kreativität. Das scheint also genetisch zu sein.

Gemälde "Die andere Seite" von Annette Schwindt
Herauszufinden, dass ich ohne Kunst nicht leben kann, war eine harte und traurige Erfahrung. Ich hatte für einen Sportler und dann auch für die komplette nationale Organisation die PR aufgebaut. Ich habe mich voll reingehängt und auch großen Erfolg mit meiner Arbeit gehabt. Kurz vor Athen 2004 bekam ich dann lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen. Aber anstatt danach die Dinge langsam anzugehen und erst einmal im Krankenhaus zu bleiben, bestand ich darauf, nach Hause zu gehen, um meine Arbeit fortzusetzen. Im Dezember 2005 begriff ich schließlich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich habe überlegt, was schief gelaufen war und eine gute Freundin sagte zu mir: "Wann hast Du zuletzt etwas für Dich selbst getan? Wo ist die kreative Annette geblieben? Ich erkenne Dich nicht wieder."
Ich bin sehr erschrocken, habe aber erkannt, dass sie Recht hatte. Ich hatte all meine Kraft in andere investiert. Das war nicht ich! Also hörte ich auf, für diese Leute zu arbeiten, die mich nur auslaugten, und nahm mir Zeit für mich. Ich begann mit Acrylmalerei zu experimentieren und das zweite Bild war bereits verkauft, bevor es überhaupt richtig trocken war. Ich hatte gar nicht vorgehabt, für andere zu malen. Das passierte einfach. Und ich fand heraus, dass Malen "meine Akkus auflädt", also habe ich damit weitergemacht. Ich fing wieder an, Glossen zu schreiben, Portraits zu zeichnen und andere Fotos als die für die Arbeit zu machen. Und seitdem geht es mir jeden Tag besser.
Pål: Ich denke oft, das Beste am Schriftstellerdasein ist, in meiner Welt des Schreibens der König zu sein. Ich habe die Macht, über alles zu entscheiden und muss keine Kompromisse mit Forderungen aus der Welt da draußen eingehen. Kennst Du dieses Gefühl?
Nette: Nein, das empfinde ich nicht beim Schreiben. Für mich ist jeder Art von künstlerischer Tätigkeit ein drängendes Bedürfnis, fast schon körperlich, wie essen oder trinken müssen. Ich denke während des Schaffens nicht darüber nach. Es fließt einfach aus mir heraus und schickt meinen Verstand in Ferien. Man könnte es vielleicht mit Meditation vergleichen. Und wenn ich fertig bin, ist es wie Aufwachen.
Ein anderer Grund, warum ich das von Dir beschriebene Gefühl nicht kenne, könnte darin liegen, dass ich Geschichten nicht erfinde. Alle meine Texte basieren auf wahren Geschichten, die ich gehört oder selbst erlebt habe. Es gibt dabei also keine rationalen Entscheidungen zu fällen. Es ist alles nur ein organisches Fließen von Worten.
Manchmal fühlt es sich auch an, als sei ich nur das Medium und nicht die Handelnde. Meine Geschichte "Der Riese" ist dafür das extremste Beispiel. Ich konnte in dieser Nacht einfach nicht schlafen, weil ich unseren Freund Volker, der gerade gestorben war, neben mir spürte wie er mich drängte, seine Worte aufzuschreiben. Ich folgte dem Gefühl und "gebar" regelrecht diesen Text, der seitdem nicht nur uns geholfen hat, mit Volkers Tod zurecht zu kommen, sondern trauernde Menschen auf der ganzen Welt getröstet hat.
Pål: Ich habe diese Geschichte gelesen und auch andere kürzere Texte, die Du geschrieben hast. Ich habe auch Deine Fotografien und Gemälde auf Deinem Myspace und den Websites gesehen. Aber ich weiß auch, dass Du mit einigen Buchprojekten angefangen hast. Kannst Du uns darüber etwas verraten?
Nette: Oje! Ich wusste, Du würdest auf dieses Thema zu sprechen kommen... Ja, ich habe einige Texte geschrieben, die dazu gedacht waren (sind?), irgendwann Bücher zu werden. Ich bin gewohnt, kurze Texte zu schreiben, und finde es schwer, meine Texte auszudehnen. Meine Kreativität lässt sich einfach nicht in regelmäßige feste Arbeitszeiten pressen, was aber nötig wäre, um einen so langen Text fertig zu schreiben. Ich habe es versucht, aber die Ergebnisse waren nicht gut.
Ich habe da ein Hauptprojekt im Kopf, an dem ich während der vergangenen 15 Jahre immer wieder gearbeitet habe. Und bislang hat noch niemand etwas in der Art geschrieben. In der Geschichte geht es um drei Menschen und die Art, wie sich ihr Leben verändert, nachdem einer von ihnen durch einen Unfall lernen muss, mit einer Behinderung zu leben. Ich habe nach dem Unfall eines Freundes angefangen, darüber zu schreiben aber irgendwie fehlt mir noch der richtige Knackpunkt bei der Geschichte.
Der andere Text, mit dem ich begonnen habe, ist völlig anders. Es ist ein lustiger Text über absurde Situationen um mich herum. Wie etwa das Generve, das man mit all diesen Hotlines hat oder mit Stromausfällen, mit Freunden, die Dich mitten in der Nacht anrufen, weil ihnen jemand das Herz gebrochen hat. Am Ende denkst Du, Du brauchst jetzt einen Psychiater, dabei sind es die anderen, die Dich mit ihren Problemen überfluten.
Pål: Was sind Deine aktuellen kreativen Projekte und hast Du schon Ideen oder neue Herangehensweisen oder sogar neue Bereiche, die Du in Zukunft ausprobieren möchtest?

Experiment mit Rost und Patina
Nette: Mein Hauptprojekt im Moment ist kein kreatives aber trotzdem scheint es einen Einfluss auf meine künstlerische Tätigkeit zu haben: es ist Familienforschung. Ich denke, darüber werde ich auch einmal etwas schreiben. Außerdem habe ich neue Portraitfotos gemacht und mit Rost und Patina in der Acrylmalerei experimentiert.
Ja, ich habe eine Idee für ein Kunstprojekt. Dafür muss ich aber auf besseres Wetter warten. Ich möchte nämlich ein paar Gemälde nach draußen bringen und sie mit Leuten auf der Straße oder an unerwarteten Plätzen fotografieren. Ich werde auch mit meinen Circle-Bildern weitermachen, bei denen ich zwei Leinwände gegeneinander presse, um eine Art strukturiertes Zwillingsbild zu erzeugen. Im Moment versuche ich herauszufinden, wie ich die Patina-Technik damit verbinden kann. Vielleicht fange ich auch wieder damit an, Skulpturen aus Draht und Pappmaché zu machen, und wende die Rost- und Patina-Technik dabei auch an. Und natürlich wäre es toll, irgendwo meine erste Ausstellung zu haben!
Was das Schreiben betrifft: Da weiß ich nie, was als nächstes kommt. Das geschieht immer ganz spontan.
Pål: Wenn Du dazu gezwungen wärst, Dich für eine Deiner kreativen Aktivitäten zu entscheiden und Dich nur noch darauf konzentrieren dürftest... welche wäre das? Schreiben, Malen oder Fotografieren?
Nette: Ich glaube, ich könnte mich nicht entscheiden, weil ich nicht sagen kann, welche die Wichtigste ist. Das ergänzt sich alles. Aber ich denke, Sprache ist das Grundlegendste für mich. Also wenn ich mich wirklich entscheiden müsste, wäre es wahrscheinlich fürs Schreiben. Man kann auch mit Worten malen oder ein Bild beschreiben.
Wenn ich ein Foto oder ein Gemälde sehe, dass ich nicht mag, verspüre ich keinen Drang, es zu ändern. Aber wenn ich höre oder sehe, das jemand Sprache falsch verwendet, rege ich mich auf und MUSS es einfach korrigieren (und wenn es nur im Kopf ist). Mein Mann lacht schon jedes Mal vorher, wenn wir Fußball schauen oder bestimmte Werbespots, von denen er weiß, dass sie mich wegen der falschen Sprache aufregen.
Also ja, ich würde mich vermutlich fürs Schreiben entscheiden.
Pål: Hast Du ein Ziel oder etwas, das Du mit Deinem kreativen Schaffen erreichen willst, mal abgesehen davon, Deiner inneren Notwendigkeit nachzukommen? Ist es Dir wichtig, sichtbar und anerkannt zu sein mit Deiner Kunst?
Nette: Natürlich fühlt es sich gut an, für das, was Du tust, positives Feedback zu bekommen. Ich würde meine Kunst nicht online stellen, wenn mir die Reaktion der Leute egal wäre. Aber ich denke nicht, dass ich ein konkretes Ziel habe, wie etwa reich und berühmt zu werden. Das ist mir wirklich egal. Wie schon gesagt, künstlerisches Schaffen ist zu allererst etwas, das ich für mich selbst tue. Die Anerkennung von anderen ist eher eine Art Nebeneffekt für mich. Ein Nebeneffekt, der zu einem Austausch führen und mich für andere Dinge inspirieren kann. Und etwas online zu stellen, ist ja auch wieder ein Kunstwerk für sich.
Wahrscheinlich weiß ich noch nicht mal, wer sich das alles anschaut, was ich mache. Ich kann die Welt nicht ändern, aber ich würde mich freuen, wenn meine künstlerische Tätigkeit die Leute dazu veranlassen würde, für einen Moment innezuhalten und nachzudenken.
Oslo-Bonn 12.12.2007